Ausgemoodlet
November 1st, 2006 | 11:57
Zuerst zur Vorgeschichte: Ich bin mit rund der Hälfte meines Deputates an der Landesakademie in Esslingen in der Lehrerfortbildung tätig. Wer nun zwei Herren dienen soll, hat so seine Probleme. Das am häufigsten auftretende Problem ist, dass ich genau dann nach Esslingen beordert werde, wenn ich in Dusslingen unterrichten sollte und manchmal steht einem auch der Stundenplan ganz allgemein im Weg. So z.B. dieses Jahr: Montags bin ich eigentlich immer für Esslingen gebucht. Trotzdem konnten Stunden für einen Kurs nicht von diesem Tag wegbewegt werden. Die Lösung: Der Unterricht wird auf unsere Onlineplattform verlagert, die SchülerInnen erarbeiten sich die relevanten Themen während meiner Abwesenheit mit freundlicher Betreuung durch zwei Praktikanten von der Uni Tübingen selbst. In diversen Präsenzphasen werden die Ergebnisse vorgestellt und besprochen. Der Kurs war einverstanden, die Schulleitung auch, jahrelanges "Selbständigkeitstraining" der SchülerInnen nach Methodenlehrplan und viel Erfahrung mit Moodle im normalen Unterricht bei Weller sollten doch ihre Schuldigkeit getan haben.
Um das Ergebnis des Experiments gleich vorweg zu nehmen: Wir haben dieses noch vor den Herbstferien abgebrochen. Die Gründe hierfür sind vielfältig, die wichtigsten sollen im Folgenden kurz beschrieben werden. Dabei ist zu beachten, dass hier versucht werden soll, einerseits möglichst allgemeingültige Formulierungen zu finden, andererseits aber auch dem Kurs selbst gerecht zu werden. Gerade Letzteres vermag nur bedingt gelingen, weswegen es im Text vor Formulierungen wie "viele", "einige" und dergleichen nur so wimmelt.
Technische Probleme: Das Arbeiten von zu Hause aus war einigen SchülerInnen auf Grund von technischen Problemen nicht möglich. Hieran lassen sich gleich mehrere Dinge zeigen: a) Der Umgang mit dem Computer als Voraussetzung für netzbasiertes Lernen ist vielen SchülerInnen auch noch in der Kursstufe nur dann möglich, wenn eine definierte (Schulrechner) Umgebung zur Verfügung steht. b) Die Bereitschaft sich selbst Hilfe, z.B. auch über die Foren im Kursraum, zu holen ist aber bei eben dieser Gruppe leider etwas unterentwickelt – einmal ganz abgesehen davon, dass eben diese SchülerInnen kaum Problembeschreibungen abgeben können, die über "tut nicht" hinausgehen. Gegebene Hilfestellungen können dann nicht umgesetzt werden. c) Ein technisches Problem im weiteren Sinne bestand darin, dass einige SchülerInnen angaben, dass Sie, sobald Sie mit dem Kurs alleingelassen waren, sich in diesem nur schlecht orientieren konnten, stellt mich vor ein Rätsel: 1. der Kurs selbst lag im Wochenformat vor, 2. alle Aktivitäten in den jeweiligen Wochenblöcken waren durchnummeriert, 3. der Kurs wuchs kontinuierlich und von Woche zu Woche mit, lag also nicht schon komplett vor, 4. es wurden keine Restrukturierungen oder Umbauten vorgenommen, 5. Moodlerfahrung war bei allen vorhanden – der Kursraum musste also nur von Oben nach Unten durchgearbeitet werden. Da dieses "technische Problem" bei genau den SchülerInnen auftrat, die sich insgesamt sehr wenig im Kursraum blicken ließen, kann dieser Punkt weiter unten abgehandelt werden.
Konsequenz: Informationstechnischer Unterricht muss mehr Wert auf das Erlernen von Strukturen legen und auf programmbasierte "Klick hier, klick da" Anleitungen, die ein Lehrer vorturnt und die SchülerInnen nachturnen, verzichten. Um dies zu leisten, könnte z.B. eine Einführung in den Umgang mit einem Browser gemeinsam erarbeitet werden. In der entscheidenden Phase des Unterrichts wären dann aber strukturell gleiche Schritte von den SchülerInnen auf einem völlig anderen Browser zu leisten. Oder: Eine Einführung in Formatvorlagen wird auf MS Word gemeinsam durchgeführt, die SchülerInnen arbeiten danach dann mit Formatvorlagen unter OpenOffice. Es muss um das Verstehen der Konzepte hinter den Klicks gehen – die Klicks selbst dürfen lediglich die Umsetzung der Konzepte exemplarisch abbilden. Ohne ein Verständnis der Konzepte hinter der Software bringt der ganze ITG Unterricht absolut nichts.
Onlinearbeit ist immer noch ungewohnt: Das Phänomen "lost in cyberspace" tritt auch in der Kursstufe auf. Ein Beispiel: Statt die Links abzuarbeiten, die vom Kursleiter zur Verfügung gestellt werden, verbraten die SchülerInnen viel Zeit mit der eigenen Suche nach vermeintlich besseren oder einfacheren Texten. Das Textniveau wird am Bildschirm als viel höher eingestuft, als dieses tatsächlich ist oder als es ausgedruckt und damit in Papierform empfunden werden würde.
Das Gefühl (!) der SchülerInnen, Stunden vor dem Bildschirm verbracht zu haben, ohne ein richtiges Ergebnis formulieren zu können verweist gleich auf mehrere Probleme: a) Die gefühlte im Netz verbrachte Zeit entspricht, dies lässt sich auf Basis der Auswertung der Logskripte im Vergleich mit den Zeitangaben der SchülerInnen in der Auswertungsphase belegen, dem vier- bis fünffachen der tatsächlich online verbrachten Zeit. b) Das direkte, zeitnahe Feedback eines Lehrers fehlt den SchülerInnen. Feedback über Foren und andere asynchrone (oder gar automatisierte) Feedbackmechanismen wird als sehr abstrakt und insgesamt zu anspruchsvoll, die Beschäftigung damit als zu zeitaufwändig empfunden.
Hauptursache dürfte IMHO tatsächlich sein, dass bei asynchronem Feedback immer ein Wiedereindenken in die Materie, die eigene Arbeit etc. verlangt wird. Einerseits ist dies ja genau der Vorteil dieser Methode: Wiederholungen und kritischer Abstand zur eigenen Arbeit sowie die permanente Verbesserung derselben schaffen hier tieferes Wissen. Andererseits wird diese Anstrengung als ein Zuviel empfunden: Zitat "Im Vergleich zu anderen Kursen müssen wir viel mehr investieren, die kommen leichter zu ihren Punkten". Die SchülerInnen denken hier extrem ökonomisch, ein Interesse an Bildung an sich, an Verstehen statt Auswendiglernen und Wiederkauen besteht bei einigen nicht wirklich. Sehr kritisch zugespitzt könnte es sich hierbei um die Konsequenzen aus jahrelanger Gewöhnung an das Schlucken von scheibchenweise Vorgekautem handeln.
Vor diesem Hintergrund wird klar, warum der sozialkommunikative Ansatz von Moodle für einige Mitglieder der Zielgruppe ins Leere lief: Eine tiefergehende Auseinandersetzung mit den Arbeitsergebnissen der anderen SchülerInnen, gemeinsames Lernen durch Auseinandersetzung mit den Inhalten, Hypothesen und Recherche-/Forschungsergebnissen, wäre noch unökonomischer, ja geradezu eine Verschwendung intellektueller und zeitlicher Ressourcen.
Fehler des Kursleiters: Ich muss mich auch an der eigenen Nase packen, habe meinen Teil zum Scheitern des Experiments ganz offensichtlich mit zu tragen.
Ein Onlinekurs führt dazu, dass die Leistungsmitte verschwindet. Dies ist bei vielen modernen Methoden so. Eigentlich hab ich das schon immer gewusst und im Rahmen kleinerer Moodleprojekte auch schon oft erfahren. Hier habe ich es wohl vergessen, habe auf Grund des Experimentalcharacters, dem inneren Druck, dass das Experiment gelingen muss, überreagiert: Statt weiter auf kommunikative Lernformen zu setzen, die offensichtlichen "Problemkinder" direkt anzusprechen (auch über die Mitteilungsfunktion, per Mail oder schlicht im Schulhaus selbst auf dem Gang) kamen immer mehr geschlossene Module zum Einsatz: Tests, Lektionen – eben Aktivitäten, bei denen der Lehrer genau sehen kann, wer was wann wie macht. Diese Lehrerrolle funkioniert schon Offline nicht wirklich – online schon garnicht, oder nur vor dem Hintergrund einer Lehrerpersönlichkeitsstruktur, die einem Leitbild aus dem 19ten Jahrhundert entspricht.
Dazu kam eine Art Tunnelblick. Die Logs haben nicht nur gezeigt, dass viele SchülerInnen überhaupt nicht arbeiten. Die Logs zeigten auch, dass viele SchülerInnen Zeit brauchen, um sich an diese Arbeitsform zu gewöhnen. Die Zugriffszahlen stiegen! Jetzt weiß ich: Diese Phase des Sicheinfindens kann mehrere Wochen, evtl. sogar mehrere Monate dauern. Hier hätte ich viel mehr stützen müssen: Mehrere, auch kürzere Treffen IRL (in real life) in den ersten Wochen des Experiments hätten evtl. schon ausgereicht. Der notwendige Abnabelungsprozess hätte dann enger abgesprochen werden können.
Einerseits war Moodle in diesem Kontext also eine Überforderung, andererseits führte das erhöhte Anspruchsniveau bei vielen SchülerInnen mit der Zeit dazu, dass sich diese einarbeiteten und auf das Experiment eingingen – durchaus auch mit grossem persönlichem Gewinn, wie in der Auswertungsphase ebenfalls versichert wurde. Trotzdem: Ich sah bei der hohen Zahl "verlorener Schäfchen" keine andere Möglichkeit als den Abbruch.
Gibt es weitere, allgemeine Konsequenzen?
Erstens: Netzbasierte Lernformen sind im Moment noch so neu für die SchülerInnen, dass selbst mehrjährige Vorerfahrungen im Rahmen kleinerer Projekte nicht ausreichen, um die Vorteile eben dieser Methode im Rahmen eines Langprojektes zur Geltung kommen zu lassen. Hier muss für mehrere Jahre wohl weiter auf das Backen kleiner Brötchen gesetzt werden.
Zweitens: Netzbasiertes Lernen muss selbst Gegenstand von Unterricht werden. Größere Projekte in diese Richtung müssen schon in der Unterstufe durchgeführt und dann stetig ausgebaut und weitergeführt werden, damit die SchülerInnen mit Eintritt in die Universität mit den dort sich immer stärker verbreitenden Plattformen (Moodle, Blackboard, Illias …) tatsächlich umgehen können.
Selbständigkeit lässt sich auch nicht erlernen, indem hier und da mal ein Lehrer seinen Unterricht projektförmiger gestaltet. Auch zwei Projektphasen im Schuljahr sind hierfür zu wenig. Wir sollten vielmehr den kuscheligen, überschaubaren Rahmen unserer Schule dazu nutzen, unseren SchülerInnen viel mehr zuzumuten. Hier können wir sie noch auffangen – an der Uni hält einen dann keiner mehr.

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